Keynote

Dr. Ragnar Willer / Trendforscher

Interview

 

1) Was bedeutet der Konferenzclaim „Arbeitszeit ist Lebenszeit“ für Dein persönliches Leben?

Die These „Arbeitszeit ist Lebenszeit“ würde ich aus zwei Blickrichtungen betrachten. Zum einen, dass das eigene Tun auch Freude bereiten, eine gewisse Erfüllung darstellen sollte, so dass man sich seinen Aufgaben mit einem gesunden Optimismus widmen kann. Es gilt jedoch auch immer zu verstehen, dass Arbeit eben auch Arbeit ist und gewisse Zeitinvestitionen notwendig sind, um Routinen zu erlangen, die Erfolg ermöglichen. Ich persönlich finde, dass Arbeit nicht immer Spaß bereiten muss, sondern wir als Menschen auch die körperlichen und mentalen Fähigkeiten haben, uns schwierigen Aufgabenstellungen, einem komplexen Umfeld, herausfordernden Situationen zu stellen. Damit wachsen wir auch. Arbeit kann nicht in jeder Situation Spaß sein oder immer größten Spaß machen. In dieser Beziehung würde ich mir manchmal mehr Realitätssinn wünschen. Denn heute erwarten viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass alle Arbeitsinhalte mit Leichtigkeit zu erledigen sind und sie dabei auch unheimlich viel Spaß haben können.

 

Daneben steht die These „Arbeitszeit ist Lebenszeit“ natürlich vor allem auch für die Verschmelzung der Sphären Leben und Arbeiten. Diese Sphärentrennung wurde ja mit der Industrialisierung erreicht und gilt in der Moderne als Faktum. Die Erfindung des Computers führt jedoch die Sphären wieder zusammen, er  verschmilzt sie geradezu, denn nun – in der nächsten Gesellschaft–können wir überall arbeiten. Diese Entwicklungen sind für die Gesellschaft noch relativ neu und wir werden Strategien entwickeln müssen, wie wir mit dieser totalen Verschmelzung umgehen wollen und können.

 

 

2) Dein Berufswunsch als Kind? Und in welchen Beruf würdest Du heutzutage gern einmal hineinschauen (unabhängig von der Ausbildung / Möglichkeit)?

Als Kind beeindruckte mich die Fliegerei und ich hatte den großen Wunsch Pilot zu werden. Als Jugendlicher änderte sich das. Mich faszinierte, mehr zu verstehen, die Dinge hinter den Kulissen zu erkennen und Zusammenhänge zu begreifen. Das ist noch heute so. Da ich mich mit sehr vielen Themen beschäftigen kann und mich für meine Kunden in immer neue Fragestellungen einarbeiten muss, wird es für mich keinesfalls langweilig. Daher habe ich tatsächlich nicht den Wunsch, einen bestimmten Beruf auszutesten. Viel lieber würde ich einmal in einer anderen Epoche leben, also in die Vergangenheit hineinschnuppern. So würde ich gerne mal Südostasien Ende des 19. Jahrhunderts erleben.

 

3) Wie sorgst Du für Erholungs- oder Entspannungspausen an Deinem (Arbeits)Tag oder in anstrengenden Arbeitswochen?

Ich bin sehr froh darüber, dass ich für die eigene Erholung nur wenig benötige. Erholung heißt für mich, Zeit für mich selbst zu haben und nachdenken zu können. Die Erholung beginnt bei uns selbst und endet auch da – also im eigenen Kopf und eben nicht an einem Badestrand auf Bali. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht wegfahre. Aber wenn ich unterwegs bin, lautet mein Ziel: frische Ideen, Inspiration und neue Erkenntnisse. Reisen ist für mich persönlich nicht unbedingt mit Erholung verbunden. Ich denke, je stärker man ist, geistig und körperlich, desto kürzer können auch Erholungspausen sein. Körperliche und geistige Anstrengungen ermüden zwar auch, sie machen den Menschen in der richtigen Dosierung aber auch stärker, entspannter, weil einem bewusst ist, was man kann.

 

4) welche Werte machen für Dich eine positive Unternehmenskultur aus?

Wie schon erwähnt, stehe ich der Idee, dass in einem Unternehmen alles Spaß machen muss, eher reserviert gegenüber. Viel wichtiger ist, dass alle in einem Unternehmen das Gefühl haben, mit Respekt behandelt zu werden und das Unternehmen nachvollziehbare Ziele verfolgt. Wir lesen ja sehr viel von Unternehmensvisionen, -philosophien und –werten. Wenn ich aber so nachdenke, glaube ich, dass Kants kategorischer Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ weitaus zielführender wäre, um eine Unternehmenskultur aufzubauen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch verstehen und nachvollziehen können.